|
Stichwort: Multimedia
Uschi Rosmanith in: STICHWORT Newsletter 1/1996
Seit 1990, jenem Jahr, in dem aus dem Archiv der Neuen Frauenbewegung das STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung - Bibliothek - Dokumentation - Multimedia geworden ist, türmen sich Videos in gläsernen Schränken, befinden sich unsere MD-i Geräte in ständiger Aufnahmebereitschaft sowie immer auf dem Sprung von jener Podiumsdiskussion zu diesem Event. Der Antrag auf Aussetzen eines Satelliten im Orbit der Venus zum besseren und schnelleren Empfang von lokalen Sendern aus Tahiti läuft noch.
Die Videothek. Die durchaus hoffnungsvolle
De facto konnten wir 1995 - endlich - einen Fernseher und einen Videorecorder ankaufen sowie für heuer, 1996, ein fixes Etat für Ausgaben im Audio- und Videobereich einrichten. Und seit unserer Übersiedlung in die Diefenbachgasse verfügt STICHWORT über einen eigenen "Medienraum"! In ihm befindet sich (noch) nicht jenes vielbeschworene Sofa, und auch die Glasschränke sind nur geträumt. Seit Anfang Februar 1996 aber könnten die Videotürme Wirklichkeit werden: Wir ließen Kabelfernsehen installieren und können so 34 Fernsehkanäle empfangen.
Zwei Tage Kabelfernsehen-Aufnahmetätigkeit ergaben (neben einer völlig zerrupften Fernsehzeitschrift) ein Musikporträt über Whitney Houston, einen Beitrag zum Mythos Mond sowie zu Breschnews Tochter Galina und eine Filmbiographie über Camille Claudel. Demnächst verfügen wir außerdem noch über eine Biographie Sally Stanfords, über den Wallace-Krimi Die rote Lola mit Marlene Dietrich, über einen Sex-Talk mit Lilo Wanders über Bi-Sexualität, über ein Musikporträt Annie Lennox? und über die Verfilmung von Fay Weldons bitterböser Teufelin. Diese Neuerwerbungen gesellen sich dann zu unseren 25 bereits vorhandenen Videokassetten. Für Filmfreaks mögen 25 Videokassetten lächerlich klingen, in Anbetracht dessen, dass die Aufnahmen bis dahin privat erfolgten (im Berggassen-Archiv war der TV-Empfang nicht gut), sind 25 Videos zu 32 Themen beachtlich.
Relativ häufig finden sich Aufnahmen des Club 2 sowie von thema (Nachfolgeprogramm von Aus- und Inlandsjournal) zu Themen wie Frauen und Karriere, Krieg gegen Frauen in Bosnien, zur Problematisierung von Lesben- und Schwulenehe, zu Sexismus am Arbeitsplatz. Die aufgenommenen Dokumentationen handeln z.B. von Kindern aus rosa-lila Ehen oder von der neuen Selbstverständlichkeit Homosexueller oder von den Geschichten vom Quilt. Spärlich vorhanden und vor allem nur zwischen 1990 und 1991 entstanden sind Video-Mitschnitte von Veranstaltungen. Noch enthusiastisch gefilmt wurde die 6. österreichische Frauensommeruniversität und das von uns organisierte Fest Stichwort: Zirkus, danach nur noch Ereignisse, die eine Mitarbeiterin von STICHWORT mitorganisiert hatte, so z.B. eine Broschürenpräsentation Magic Studies Night im Frauencafé oder ein pantomimisch-soziologisches Begrifferaten im Frauen/Lesbenzentrum. Ein Zuckerl in unserer Videothek stellt die Videodokumentation Zwischen Höhenflügen und Bruchlandungen dar, die anlässlich 20 Jahre Lesbenfrühlingstreffen gedreht wurde und die wir 1995 angekauft haben. Spielfilme befinden sich noch relativ wenige in der Videothek. Unter den vorhandenen aber habe ich Favoriten, und zwar Sally Potters pompösen Orlando sowie Percy Adlons Salmonberries mit k.d. lang in der Hauptrolle und einer Filmmusik, die auf keiner CD erhältlich ist. Und tatsächlich war letztgenannter Film das erste Video, das von Benutzerinnen anzusehen verlangt wurde.
Die Audiothek. Die schon (auch) ältere
Im Gegensatz zum Medium Video dürfte das Medium Audiokassette zu Dokumentationszwecken vertrauter sein, denn unsere Audiothek ist durchaus herzeigbar und kann mit "alten" Gustostückerln aufwarten: Vor allem in den achtziger Jahren dürfte bei Veranstaltungen gerne mitgeschnitten worden sein, und so haben ihren Weg ins Archiv gefunden z.B. Diskussionen über "Fraueninitiativen in der Maroltingergasse" (Vorläuferinnentreffen für einen - gescheiterten - Dachverbandsversuch) von 1982, Diskussionen über die Raumaufteilung und Finanzierungsformen des gerade erst gegründeten und noch nicht renovierten Frauenkommunikationszentrums von 1981, 815 Minuten Mitschnitte zu einem "Frauenseminar", das 1982 im WUK stattgefunden hatte.
Neben diesen älteren und anderen Einzelaufnahmen lassen sich drei große Blöcke von Audiomaterial beschreiben: Den einen Block stellen die gesamten von Hanna Hacker und Gitti Geiger für das Buch Donauwalzer Damenwahl durchgeführten Interviews dar, alle (3594 Minuten!) zur Benutzung freigegeben. Den zweiten Block bilden Musikaufnahmen. Aber! Hier finden sich - vielen nicht bekannte - Komponistinnen wie z.B. Barbara Strozzi, Clara Faisst, Grazyna Bacewicz u.v.m. Auch Ethel Smyths Beitrag zur Alten Frauenbewegung, der grandiose March of the Women (der mittlerweile vom Wiener Lesbenchor Sappho's Singers Unlimited liebevoll einstudiert wurde), befindet sich hier. Als dritter großer Block in unserer Audiosammlung, auf den STICHWORT ganz besonders stolz ist, lagern hier und warten auf interessierte Hörerinnen sämtliche Sendungen von Sisters in Voice, den Radiopiratinnen, die vom 1991 bis 1992 Frauenprogramm auf 103,3 UKW (später auf 107,3 Megahertz) produzierten. An dieser Stelle möchte ich den Radiopiratinnen ganz herzlich danken, denn die Sendungen wurden nicht etwa von uns aufgenommen, sondern die Piratinnen haben sie uns ins Archiv gebracht!
Das Bildarchiv. Das bunte.
Unser Bildarchiv kann sich keinesfalls mit jenem der AUF messen und legt es auch gar nicht darauf an. In Folien gesteckt, nummeriert und katalogisiert wurden zum einen seit langem in Laden, Ecken und Kartons lagerndes Material, zum anderen Fotos von in der näheren Vergangenheit stattgefundenen Ereignissen wie z.B. dem Internationalen Lesbenvolleyballturnier in Wien 1994 oder dem Feministischen Lauffeuer anlässlich 20 Jahre autonomer Frauenbewegung 1992. Auch hier fällt auf, dass Fotos am ehesten von solchen Veranstaltungen existieren, bei denen eine personelle Verquickung von "STICHWORT-Mitarbeiterin" und "Mitorganisatorin von Veranstaltungen" existiert.
In gelben Mappen, unseren "Bilderbüchern", befinden sich also nebeneinander Fotos von z.B. dem Frauenblock der 1.-Mai-Demo 1978 und fast allen Teilnehmerinnen an der ILGA-Konferenz 1989 in Wien, von einem Arbeitskreis der AUF von 1975 und von jener Straßenbahn, die 1988 mit dem Spruch "Die Gegenwart ist weiblich oder gar nicht" durch Wien fuhr (nicht aber mit "Lesben sind immer und überall" - die Geschichte dazu ist in LAMBDA-Nachrichten 2/90, S. 31-34, nachzulesen) und einige mehr.
Neben Videos, Kassetten, Dias, Fotos und Negativen befinden sich noch ca. 700 Plakate im Multimediaraum. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die Nutzung. Die strengen Regeln
Videos, Tonträger und Bildmaterial sind nicht so unbedenklich handhabbar wie Bücher und erfordern deswegen auch strengere Regeln, als sie für unsere Bibliothek existieren, d.h., alle aufgezählten Medien können prinzipiell nur in den Räumen von STICHWORT angesehen oder angehört werden. Anfragen von Journalistinnen nach Bildmaterial (v.a. Fotos) begegnen wir mit den geltenden Top-Secret-Maßnahmen: Wir prüfen genau, für welchen Zweck das Material benötigt wird, wer oder was darauf zu sehen ist, wo es publiziert werden soll. Erst wenn keine Bedenken mehr bestehen, geben wir Fotos außer Haus. Es fällt uns auch nicht schwer, in begründeten Fällen "nein" zu sagen.
Prinzipiell ist der Videoraum immer zur Benutzung geöffnet. Sollte ihn aber eine Benützerin an einem ganz bestimmten Tag zu einer ganz bestimmten Zeit benötigen und will sicher gehen, dass nicht eine andere Benutzerin zu genau diesem Zeitpunkt z.B. den Glamour in Orlando bewundert, und das noch mindestens eine Stunde lang, dann legen wir ihr die Möglichkeit der telefonischen oder persönlichen Reservierung ans Herz. - Danach steht einem Schwelgen in Bildern und Tönen nichts mehr im Weg.
|
|