| > Fenster schließen < |
Zur gewissermaßen raumgreifendsten Kommunikationsform der Neuen Frauenbewegung aus aktuellem Anlass ein Abriss von Margit Hauser in:
STICHWORT Newsletter 18/2004
Das Bild der Neuen Frauenbewegung im Herzen ihrer Aktivistinnen ist vielfältigst. Das Bild jener, die denken, sie verpasst zu haben, und gar jener, die sie mit Distanz betrachten also jener, für die sie nur noch historisch ist , mag unscharf sein, lässt sich aber nicht selten auf ein Bild reduzieren: Frauenbewegung, das war doch, als es noch diese großen mitreißenden Demos gab, Aktionen und Besetzungen! Zoomen wir das Bild schärfer, sehen wir es: im Zentrum jeder Demo, als Kulisse vieler Aktionen, als O-Ton-Kommentar jeder Besetzung das Transparent.
In seiner Unübersehbarkeit ist es immer ans Außen gewandt, die Betrachterin herausfordernd, sich zu solidarisieren oder sich als GegnerIn zu begreifen, an die Identifikationsbereitschaft der MitdemonstrantInnen appellierend. Es ist prägnanter als das Pamphlet, reduzierter als das Plakat. Es ist so launig wie radikal, fundamentalistisch in der Verkürzung, fragmentarisch in der Aussage: schlimmstenfalls platt, fallweise genial. Das Transparent ist seinem Wesen nach spontan, laut und ephemer, das Amuse-gueule im Schriftgut der Bewegungsdokumente.
Das Transparent als Medium von Grass-Root-Bewegungen im Allgemeinen und der feministischen Bewegung im Besonderen ist nicht von wissenschaftlichem Interesse. Kaum gibt es Literatur dazu, kaum wird ihm archivarischer Wert zugestanden.
STICHWORT verfügt über eine kleine, feine Sammlung dieser basispolitischen Kommunikationsform, und sie hat sich in den vergangenen Monaten durch eine großzügige Schenkung der FrauenHETZ (Wien) mehr als verdoppelt. Auf Leintüchern und Polsterüberzügen, Stoffresten oder schnöder Polyesterfolie, gesprayt oder gemalt, genäht oder gestickt (!), bunt und phantasievoll oder in schlichter Prägnanz begegnen uns die frauenbewegten Botschaften: mit Wut und einem großen Schuss Humor zum Succus feministischer Analyse destilliert.
Das frauenbewegte Transparent stellt klar: Wir wollen unsere Lust für uns und nicht eure Lust an der Macht, daher: Die Herrschaft der Schwänze hat ihre Grenze; es appelliert: Erkämpfen wir die Sprache für unsere Frauensache und: Helft mit, dass wir unser Gesicht zeigen können. Die Aussagen sind programmatisch: Die Zukunft ist weiblich oder verbleiben rudimentär: Für die Frauen, wägen ab: Lieber Arbeit für Frauen als Frauenarbeit oder etwa Mutterschutz ist besser als Luftschutz, fordern anspruchsvoll: Mit den Frauen der ganzen Welt für einen dauerhaften Frieden und umfassend: Abschaffung von Geldsystem, Kleinfamilie und Zwang zur Heterosexualität, und, den Gedanken weiterspinnend: Unser Lesbischsein ist unsere Strategie im Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen und die Ausbeutung der Natur, oder kürzer: Sappho for President.
Fein säuberlich gebügelt und gefaltet liegen sie, eingemottet, staubgeschützt in säurefreien Kartons und warten auf ihren nächsten Auftritt: nicht mehr im rauen Wind der Straße, sondern im Kongresssaal, am feministischen Veranstaltungsort, in Ausstellungshallen, gemahnend, dass das, was sie einfordern, längst nicht erreicht ist. Allen archivarischen Maßnahmen zum Trotz: Sie prickeln noch immer . . .
| > Fenster schließen < |